Smart-Habitat: Exportschlager für deutsche Regionen?

Digitalisierung bzw. digitaler Wandel sollte kein Buch mit sieben Siegeln darstellen – auch nicht für Politik und Verwaltung. Einer, der sich des Themas angenommen hat, ist Franz-Reinhard Habbel. Er arbeitet als Sprecher und Beigeordneter beim Deutschen Städte- und Gemeindebund und befasst sich mit strategischen Zukunftsfragen der Städte und Gemeinden. Zugleich leitet er den Innovators Club Deutschland, eine Ideenschmiede für Kommunen. Hier werden Zukunftsfragen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik diskutiert und hinter den Horizont geschaut mit dem Ziel, die Kommunen weiter zu entwickeln.

Das Thema Smart City ist in aller Munde. Warum werden ländliche Regionen noch nicht bei der Debatte aktiv berücksichtigt?

Das sehe ich anders. Nicht nur Metropolen stehen vor einem umfassenden Prozess der Transformation, der insbesondere durch die zentralen Trends wie Globalisierung, Digitalisierung und Urbanisierung bestimmt wird. Das gilt auch für die Regionen. Wie wir leben, arbeiten, uns bilden oder unsere Freizeit verbringen wird immer mehr vom Internet bestimmt. Die Formen der Kommunikation verändern sich, soziale Netzwerke schaffen neue Räume für den Austausch und für Begegnungen auf der realen Ebene. Echtzeitinformationen machen die Welt zum Dorf. Durch sofortige weltweite Übermittlung sind wir mitten im Geschehen. Geografische Grenzen verlieren an Bedeutung. Dynamische Netzwerke auf Zeit bilden sich.

Ich bin nicht sicher, ob die Trennung zwischen Metropolen und ländlichen Räumen auf Dauer Bestand haben wird. Die Raumbetrachtung wird sich ändern. Vermutlich stehen nicht mehr Grenzen, sondern Funktionen und Dienste, die von allen unabhängig von Orten genutzt werden können, im Vordergrund. Auch ist es nicht so, das der ländliche Raum ein Raum zweiter Klasse ist. Viele „Hidden Champions“ existieren hier. Mehr als die Hälfte der Wertschöpfung in Deutschland erfolgt in ländlichen Räumen. Mehr als die Hälfte der 3,5 Millionen Unternehmen befinden sich dort. Smarte Regionen entstehen bereits punktuell wie zum Beispiel das Projekt digitale Dörfer in Rheinland-Pfalz. Dörfer haben eine Zukunft, wenn sie sich verändern. Die Digitalisierung spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Dabei geht es nicht nur um Bandbreiten beim Breitband, sondern um Anwendungen in den Bereichen Mobilität, Bildung, Gesundheit, Energie und Sicherheit. So gibt es in Baden-Württemberg ein großes Interesse gerade kleinerer Städte und Gemeinden am Wettbewerbsprojekt „Zukunft Kommune“ des Landes. Die Städte, Kreise und Gemeinden erkennen mehr und mehr, dass sie sich neu aufstellen müssen, um zum Beispiel die Abwanderungen junger Kräfte zu verringern bzw. zu vermeiden. Der schon eingetretene Verlust an lebensnotwendiger Infrastruktur wie Schulen, Bibliotheken, gesundheitliche Versorgung, Ausdünnung des ÖPNV oder Postlieferung kann nur durch intelligente und vor allen Dingen vernetzte Dienstleistungen gestoppt werden.

Wie kamen Sie auf das Thema Digitalisierung in Stadt und Gemeinden?

Die Lebenswirklichkeiten der Menschen aber auch die Abläufe in Unternehmen haben sich in den letzten Jahren durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien fundamental verändert. Was die Digitalisierung betrifft, stehen wir erst ganz am Anfang. Verglichen mit einem Restaurantbesuch sind wir erst beim Gruß der Küche angekommen. Das „Hauptgericht“ kommt erst noch. Die Frage wird sein, was für ein „Hauptgericht“ wird es sein? Werden wir nur „asiatisch oder amerikanisch“ essen, oder gelingt es uns, die „Menükarte“ der Digitalisierung auch in Europa und Deutschland mitzugestalten. In den vergangenen Jahren haben sich Bund, Länder und Kommunen vor allen Dingen mit dem Thema e-Government beschäftigt. Es geht dabei um schnellere und effizientere Verwaltungsprozesse, um Dokumentenmanagementsysteme oder um den elektronischen Zugang zur Verwaltung. Ein Schwergewicht liegt bei diesen Diensten auf der kommunalen Ebene. Europaweit liegt Deutschland bei e-Government aber am Ende des Mittelfeldes. Es bleibt also noch viel zu tun. Noch wichtiger ist es aber, die Potentiale der Digitalisierung zu erkennen und die damit verbundenen Chancen auch zu nutzen. Auch spielen die Städte, Kreise und Gemeinden eine entscheidende Rolle. Die Zukunft wird lokal gemacht. Klimaveränderungen, Emissionen durch Verkehre, die Versorgung mit Energie, Wasser- und Abwasser sind Themen die auf kommunaler Ebene anstehen und hier bewältigt werden müssen.

Welchen persönlichen Tipp haben Sie an die Gemeinden in Deutschland, die noch keine Berührungspunkte mit „Smart Habitat“ haben?

Smart Habitat ist ein wichtiges Signal für eine nachhaltige Lebenswelt und für Prosperität in den Regionen. Damit ist eine große Chance verbunden den ländlichen Raum zu vitalisieren und ihn zu stärken. Es gilt, die endogenen Potentiale in den jeweiligen Regionen herauszufiltern und sie in den Mittelpunkt neuer vernetzter Dienstleistungen zu stellen. Konkret heißt dies zum Beispiel Tourismus und Bildung miteinander zu verbinden. Warum nicht im ländlichen Raum eine „Sommer-Universität“ etablieren. Menschen könnten so vormittags internationale Vorträge per Videoschalte sehen und am Nachmittag zum Beispiel Sport treiben. Bibliotheken könnten sich weiter entwickeln zu „Zentren der Kreativität, der Begegnung und des Wissensaustausches“. Neue Gebäudestrukturen könnten die Kernleistung der Ausleihe von Medien durch Arbeitsräume für Startups ergänzen. Ein 3-D-Drucker könnte Interessierten zur Verfügung stehen. Pakete könnten an solchen neuen Treffpunkten empfangen und abgegeben werden. Durch Vernetzung und Sharing ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Smart-Habitat könnte sich in Deutschland zu einem Exportschlager für viele Regionen in der Welt entwickeln. Deutschland hat was zu bieten. Wir müssen allerdings selbstbewusst an das Neue herangehen und nicht in jeder Chance nur die Krise sehen.

Wie stellen Sie sich persönlich den zukünftigen Lebensraum vor?

Das ist eine spannende Frage. Die Normalität ist nicht die Stabilität, sondern die Veränderung. Alles ist ständig im Wandel. Wir sollten unsere Kräfte darauf konzentrieren, dass wir die Errungenschaften, die wir für ein gedeihliches und friedliches Zusammenleben der Menschen entwickelt haben, als Wert weiter erhalten und ausbauen. In vielen Teilen der Welt ist dies nicht der Fall. Menschen sollten in ihrem Lebensraum ihr individuelles Glück verwirklichen können. Große Herausforderungen liegen vor uns, wie zum Beispiel der Einsatz von künstlicher Intelligenz auch in der Verwaltung. Hier gilt es, den richtigen Maßstab zu finden und das Zeitalter der Digitalisierung nicht für eine umfassende Kontrolle zu nutzen, sondern zur Sicherung und zum Ausbau von Freiheit. Orientieren sollten wir uns an den 17 globalen Zielen der Vereinten Nationen wie zum Beispiele gute Bildung für alle, Abbau von Armut, Schutz des Klimas und umfassende gesundheitliche Versorgung unabhängig von Land und Ort. Smart Habitat ist ein wichtiger Baustein unserer zukünftigen Welt.

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