Gründen abseits der Zielgruppe: One day baby, we’ll be old…

Gerade erst wurden die beiden Careship-Gründer Antonia (28) und Nikolaus (29) Albert vom berühmten Wirtschaftsmagazin Forbes unter Europas Top 30 unter 30 in der Kategorie „Social Entrepreneurs“ gelistet. Laut Begründung haben sie „Deutschlands führenden Marktplatz für häusliche Seniorenpflege“ aufgebaut und so bereits mehr als 1.400 Familien geholfen, die passende Unterstützung zu finden. Aber wie ist das eigentlich als junger, innovativer Gründer, wenn die eigene Zielgruppe so ganz weit weg von der eigenen Lebenssituation ist?

• Ihr seid noch keine 30, bietet aber einen Dienst für Senioren an. Woher wisst Ihr überhaupt, was sich ältere Menschen wünschen?
Als unsere eigene Großmutter plötzlich pflegebedürftig wurde, war unsere Familie mit der Situation völlig überfordert. Wir wollten unbedingt eine Unterstützung finden, die zu unserer Großmutter passt und die für sie zu einer Bezugsperson werden kann. Zusätzlich fehlte uns die Orientierung, wer für welche Kosten aufkommt, was wir alles benötigen etc. Nachdem wir die Versorgung für unsere Großmutter organisiert hatten, haben wir uns hingesetzt und aufgeschrieben, was uns geholfen hätte. Darauf basierend haben wir beschlossen, eine Plattform zu schaffen, die Familien bei der Suche und Organisation von passenden Pflege- und Betreuungskräften unterstützt. 2015 haben wir dann Careship gegründet.
Natürlich sind wir selbst noch keine 70 Jahre alt, aber das Thema „Unterstützung im Alter“ betrifft ja eben nicht nur den jeweiligen Senior, sondern oft die ganze Familie. Gerade Frauen werden beruflich oft ausgebremst, weil sie mit Ende 40 die Versorgung der Eltern übernehmen müssen. Oder die Kinder leben mit großen Schuldgefühlen, weil die Angehörigen eben doch anders versorgt werden, als sie es sich erhofft hatten. Eine individuelle und gute Lösung zu finden, ist also eine Herausforderung für die gesamte Familie. Zudem glauben wir, dass alle Menschen ganz unabhängig vom Alter den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben haben.
Außerdem betreiben wir seit unserer Gründung ein sehr intensives Qualitätsmanagement und sind im ständigen Austausch mit Betreuern und Kunden. Wir beschäftigen uns intensiv mit unserer Zielgruppe und kennen viele unserer SeniorInnen und ihrer Geschichten persönlich. Dieser Austausch ist für uns sehr wertvoll und hilft uns, den Bedürfnissen älterer Menschen und derer Angehörigen gerecht zu werden.

• Seht Ihr es eher als Vor- oder als Nachteil, dass Ihr nicht selbst zu Eurer Zielgruppe gehört?
Alles hat natürlich Vor- und Nachteile. Insgesamt sehen wir es aber eher als Vorteil, dass wir nicht selbst Teil unserer Zielgruppe sind. Wir können und müssen so an viele Fragen und Themen sehr analytisch herangehen und vermeintliche Tatsachen ausblenden. Wir beobachten oft, dass Gründer, die selbst zu ihrer Zielgruppe gehören, zu schnell von sich auf die Gruppe schließen und deshalb Dinge falsch einschätzen. Dabei ist eine gewisse Distanz sehr hilfreich, um übereilte und schlussendlich falsche Entscheidungen zu vermeiden.

Nikolaus und Antonia Albert mit einer Nutzerin ihres Services

• Worin lag die größte Schwierigkeit in Hinblick auf Eure Zielgruppe und wir habt ihr sie gemeistert?
Es gab und gibt einfach einen unheimlich hohen Erklärungsbedarf. Was gibt es für Pflegemöglichkeiten? Wie kann man Pflege und Betreuung finanzieren? Kann sich das jeder leisten? Greift so etwas schon, wenn ich nur Hilfe bei Arztterminen brauche? Wenn unsere Kunden unseren Dienst einmal ausprobiert haben, sind sie sehr zufrieden und bleiben uns lange treu. Aber die Hürde ist, überhaupt erstmal davon zu erfahren und es auszuprobieren. Gerade auch, da der Bedarf von „Pflege“ vielen auch unangenehm ist und sie nicht den Eindruck erwecken wollen, sie kämen allein nicht mehr klar. Viel hilft da natürlich Mund-Propaganda von zufriedenen Kunden, die Nachbarn oder Freunden von unserem Angebot erzählen. Außerdem setzten wir stark auf Marketing (zum Beispiel mit speziellen Kennenlern-Angeboten) und Öffentlichkeitsarbeit, um zu erklären, was Careship eigentlich ist. Unsere Kunden sagen im Nachhinein oft, dass sie unsere Unterstützung schon viel früher in Anspruch genommen hätten wenn sie gewusst hätten, dass es so etwas wie Careship überhaupt gibt. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

• Und die etablierte Pflegebranche? Wie wird man da als zwei junge Berliner, die den Markt aufmischen wollen, wahrgenommen?
Da sieht es in Sachen Personalien natürlich etwas anders aus als bei uns und gerade Entscheider sind oft Männer, die schon sehr lange in dieser Branche sind. Wir würden sagen, wir und etablierte Pflegeanbieter leben derzeit in friedlicher Koexistenz nebeneinander her. Dabei ist das ziemlich schade, denn mit etwas mehr Neugier und Aufgeschlossenheit könnte man gemeinsam vieles bewegen. Wir arbeiten zum Beispiel bereits mit einigen Pflegeeinrichtungen in Berlin eng zusammen und können sagen, dass uns das alle nur voran gebracht hat.

• One day baby, we’ll be old… Wie stellt Ihr Euch selbst das mit dem Alter so vor?
Da kommen wir wieder zum Grundbedürfnis nach Selbstbestimmtheit. Rein zeittechnisch ist das Thema natürlich ganz weit weg, aber es ist ja schon eine kleine Gedankenhilfe, wenn man sich mal überlegt, was wäre, wenn man sich morgen beide Arme und Beine brechen würde. Dann bräuchten nämlich auch wir mit Ende 20 schon Unterstützung. Uns wäre dann wichtig, dass möglichst immer die gleiche Person kommt, die wir auch sympathisch finden, und dass wir nicht aus unserem gewohnten Umfeld gerissen würden.

Informationen zu Careship:
Careship ist ein Betreuungs- und Begleitdienst, der pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen über eine Serviceplattform einfachen Zugang zu individueller Betreuung ermöglicht. Das Angebot reicht nach dem Baukasten-Prinzip von Gesellschaft leisten über Unterstützung im Alltag bis hin zu Reisebegleitung und leichter Pflege. Dabei achtet das Unternehmen ganz gezielt darauf, dass immer der passendste Betreuer für die jeweilige Person gefunden wird, und berät zum Versicherungsanspruch sowie zur Abrechnung mit den Pflegekassen.

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