Lange war die Debatte über digitales Zentralbankgeld eine Angelegenheit für Fachkonferenzen und Diskussionspapiere. Das hat sich grundlegend geändert. In Europa laufen inzwischen zwei Entwicklungen gleichzeitig und in bemerkenswertem Tempo: Die Europäische Zentralbank bringt den digitalen Euro in die praktische Erprobung, und parallel dazu bringen Geschäftsbanken regulierte Euro-Stablecoins auf den Markt. Beide zielen auf dieselbe Stelle, nämlich auf die Zahlungsinfrastruktur des Kontinents, und beide berufen sich auf dasselbe Argument, nämlich europäische Souveränität. Wie sich diese beiden Spuren zueinander verhalten, ist die vielleicht wichtigste offene Frage der europäischen Zahlungslandschaft.

Auf der öffentlichen Seite ist der Fahrplan mittlerweile konkret. Die EZB hat aus über fünfzig Bewerbungen sechsunddreißig Zahlungsdienstleister für die Pilotphase ausgewählt, darunter Deutsche Bank, UniCredit und Revolut, aber auch Abwickler wie Adyen, SumUp und Worldline sowie das US-Unternehmen Stripe. Der zwölfmonatige Pilot startet in der zweiten Jahreshälfte des übernächsten Jahres und wird gemeinsam mit den nationalen Notenbanken des Euroraums durchgeführt. Getestet werden Zahlungen zwischen Privatpersonen, an der Ladenkasse und im Onlinehandel. Eine mögliche Ausgabe an die Allgemeinheit wird gegen Ende des Jahrzehnts angepeilt, vorausgesetzt, der Gesetzgebungsprozess ist rechtzeitig abgeschlossen. Das Europäische Parlament hat den Weg in die entscheidenden Verhandlungen mit deutlicher Mehrheit freigemacht.

Technisch wird der digitale Euro als elektronische Form des Bargelds beschrieben, und das ist mehr als eine Metapher. Vorgesehen ist unter anderem eine Offline-Funktion, mit der eine Zahlung per Smartphone auch ohne aktive Internetverbindung möglich wäre, ähnlich wie bei einer kontaktlosen Kartenzahlung. Die Ausgabe an die Endkunden übernehmen die Geschäftsbanken, nicht die Zentralbank selbst. Vorgesehen sind zudem Obergrenzen für die Haltung, damit im Krisenfall keine massenhafte Umschichtung von Bankeinlagen in Zentralbankgeld entsteht.

Der politische Antrieb dahinter ist unübersehbar und wird von den Verantwortlichen auch offen benannt. Rund zwei Drittel der Kartenzahlungen im Euroraum laufen über zwei US-amerikanische Anbieter. Im Bereich der Stablecoins ist das Ungleichgewicht noch drastischer: Die auf Euro lautenden Token kommen zusammengenommen auf eine Marktkapitalisierung im niedrigen dreistelligen Millionenbereich und damit auf weniger als ein Prozent des weltweiten Stablecoin-Marktes, der praktisch vollständig von dollargebundenen Token beherrscht wird. Wer diese Zahl kennt, versteht die Dringlichkeit besser als jede Grundsatzrede.

Genau hier hat sich die private Seite in kurzer Zeit stark verändert. Mit dem Auslaufen der Übergangsfrist der europäischen Kryptoverordnung ist der Markt neu sortiert worden: Handelsplattformen mussten nicht zugelassene Token für europäische Kunden auslisten, was prominent den größten dollargebundenen Stablecoin traf. In dieselbe Lücke stoßen nun Banken mit eigenen, regulierten Produkten. Eine französische Großbank hat einen euro-gedeckten Stablecoin auf Ethereum herausgebracht, ein weiteres französisches Institut betreibt seinen eigenen seit längerem, in Italien testet ein Bankenkonsortium eine gemeinsame Infrastruktur, und eine Gruppe europäischer Häuser bereitet die Ausgabe über ein niederländisches E-Geld-Institut vor. In Deutschland gibt es bereits einen von der Finanzaufsicht lizenzierten Euro-Stablecoin aus einem Gemeinschaftsunternehmen unter Beteiligung einer großen Fondsgesellschaft.

Damit stellt sich die eigentliche Frage: Konkurrenz oder Arbeitsteilung. Vieles spricht für Letzteres, weil beide Instrumente unterschiedliche Aufgaben haben. Der digitale Euro ist als Zentralbankgeld konzipiert, ohne Ausfallrisiko eines Emittenten, mit Annahmepflicht im Handel, mit Datenschutzvorgaben und mit Obergrenzen. Er zielt auf den Alltag, auf kleine Beträge, auf die Kasse im Supermarkt und auf die Zahlung zwischen zwei Privatpersonen. Private Euro-Stablecoins sind dagegen Geschäftsbankengeld beziehungsweise E-Geld auf einer Blockchain. Ihre Stärke liegt dort, wo Programmierbarkeit zählt: bei der Abwicklung tokenisierter Wertpapiere, bei automatisierten Zahlungen zwischen Maschinen und Unternehmen, im Handel rund um die Uhr, in der Verzahnung mit digitalen Vermögenswerten.

Innerhalb Europas verläuft die Debatte allerdings nicht spannungsfrei, und das gehört zu einer ehrlichen Darstellung dazu. Die EZB-Spitze hat Vorschläge zurückgewiesen, den digitalen Euro durch private Euro-Stablecoins zu ersetzen, und warnt vor Abflüssen aus Bankeinlagen, wenn private Token stark wachsen. Die Deutsche Bundesbank argumentiert differenzierter und unterstützt beides: einen digitalen Euro für Endkunden und daneben streng regulierte private Token, ergänzt um eine Großkunden-Variante von Zentralbankgeld, mit der Finanzinstitute programmierbare Zahlungen in Zentralbankgeld abwickeln könnten. Das Eurosystem arbeitet an entsprechenden Ansätzen für die Abwicklung im Interbankengeschäft, zeitlich sogar früher als am Endkundenprodukt.

Für Unternehmen und Entwickler ist die praktische Konsequenz bereits absehbar, unabhängig davon, wie der politische Streit ausgeht. Es entstehen zwei parallele Schienen, die beide bedient werden müssen: Wallets, die verschiedene Geldformen halten, Treasury-Regeln, die zwischen Bankeinlage, Token und Zentralbankgeld unterscheiden, Schnittstellen zu Abwicklungssystemen, Prüfpfade für die Revision. In Italien wird bereits an einer Geldbörse gearbeitet, die klassisches Buchgeld, digitalen Euro und tokenisiertes Geld zusammenführen soll, und das dürfte die Richtung vorgeben. Interoperabilität wird zum entscheidenden Kriterium, denn niemand wird als Kunde drei getrennte Anwendungen für dieselbe Währung akzeptieren.

Am Ende entscheidet über den Erfolg vermutlich weder die Kryptografie noch die Regulierung allein, sondern die Verteilung. Ein Zahlungsmittel setzt sich durch, wenn es dort auftaucht, wo Menschen ohnehin bezahlen, und wenn der Händler keinen Grund hat, es abzulehnen. Der digitale Euro hat dafür die Annahmepflicht und das Vertrauen in die Notenbank auf seiner Seite, aber einen langen Gesetzgebungsweg vor sich. Die privaten Euro-Token sind schneller am Markt und technisch flexibler, müssen ihr Vertrauen jedoch erst aufbauen und stehen unter dem Druck eines Dollarmarktes, der ihnen um Größenordnungen voraus ist. Wahrscheinlich ist deshalb nicht, dass eine Seite die andere verdrängt, sondern dass beide nebeneinander in derselben Geldbörse landen – und dass die interessanteste technische Arbeit der kommenden Zeit genau an der Naht zwischen ihnen stattfindet.

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